Bürgertreff für Weisse und Menschen mit anderer Hautfarbe

Tja, die Überschrift klingt komisch, nicht wahr? ‚Bürgertreff für Weisse und Menschen mit anderer Hautfarbe“? Was soll das nun wieder? Na, wenn sich Bürger treffen, sollte es doch selbstverständlich sein, dass alle Hautfarben willkommen sind – ich meine, warum zum Teufel denn auch nicht?

Aber: es gibt nach wie vor ‚Bürgertreffs für Menschen mit und ohne Behinderung‘! Das Ziel dieser Einrichtungen ist durchaus gut und richtig, nämlich Menschen mit Behinderung und Menschen ohne Behinderung zusammen zu bringen und gemeinsame Aktivitäten zu starten. Gemeinsam Kiezradio machen zum Beispiel. Gemeinsam kochen zum Beispiel. Gemeinsam picknicken zum Beispiel. Und so, nach und nach, einander zu akzeptieren, Freundschaften zu schließen und voneinander zu lernen.

Trotzdem: Der Name ‚…für Menschen mit und ohne Behinderung‘ hat etwas seltsam anmutendes. Warum muss das extra mit im Namen stehen? Solange soetwas extra genannt werden muss, ist es NICHT SELBSTVERSTÄNDLICH, dass Menschen mit und ohne Behinderung miteinander zu tun haben – und das ist erschreckend!

(Musik: Station 17)

Darf ich als Umweltschützer Regen sche*ße finden?

Mann, heute wäre der Tag gewesen, sich mal wieder diverse Inspirationen von gleich drei Veranstaltungen in Berlin zu holen: vom Langen Tag der Stadtnatur, von den 48 Stunden Neukölln und vom 3. interkulturellen Umwelt- und Gesundheitsfestival. Ich war da so durcheinander ob des reichhaltigen Angebots, dass ich das ‚Kulturlabor Trial & Error‘ schon beim Twittern dem Stadtnatur-Programm zugeordnet hatte – und dann spielt das Wetter nicht mal mit!

Nach langem Hin und Her hatte ich mich entschieden, als Erstes das ‚Fest der Dinge‘ am Karl-Marx-Platz zu besuchen. Als Re- bzw. Upcyclingprojekt versprach http://www.dasfestderdinge.blogspot.com immerhin: „Tauschen und Schenken, Workshops und Aktionen rund ums Ding. Ein Aufruf zum Mitmachen und Mitbringen!“

Aber bevor der Regen losbrach, hatte ich gerade mal Zeit, schnell durch die Reihen der Aussteller zu huschen und wenigstens noch so knapp ein Beweisfoto zu schießen. Das Angebot von http://www.trial-error.org konnte ich gar nicht mehr checken. :-(

48 Stunden Neukölln? HolK hielt's beim Fest der Dinge leider nur ein paar Minuten lang aus - wegen des Regens

48 Stunden Neukölln? HolK hielt's beim Fest der Dinge leider nur ein paar Minuten lang aus - wegen des Regens

Vom Regen in die Traufe

Auf dem Weg zur U-Bahn wurde es aber wettertechnisch dann doch noch mal besser. Zumindest goß es nicht mehr wie aus Kübeln. Also wollte ich kurz beim Umwelt- und Gesundheitsfestival auf dem Oranienplatz die Rap-Crew K.O. Muzik begutachten, die immerhin beim Plattenfest mit dem Motto ‚Rock fürs Klima‘ in Marzahn den dritten Platz in der Kategorie ‚HipHop‘ belegt hat. Unter http://www.plattenfest.com könnt ihr übrigens ihr Stück ‚Erde Feuer Wind Wasser‘ hören und die Lyrics nachlesen. Darin heißt es zum Beispiel: „Sie pumpen Müll in unsere Meere, so als wären sie ein Scheißhaus./ Aber diese Welt ist ein Kreislauf.“

Und wer da auf der Website ist, kann auch gleich noch den Klima-Button drücken. Damit kann jeder ganz einfach etwas Gutes tun! Pro Klick werden 10 Cent an den ‚Zauberwald‘ gespendet. Dahinter verbirgt sich ein Projekt vom ‚Orchester des Wandels‘, das dort auch beschrieben wird: „In den ‚Gärten der Welt‘ wird ein Wald gepflanzt – ein Märchenwald der Oper. So entsteht ein musikalischer Abenteuerspielplatz, in dem Natur und Kunst spielerisch begeistern. Zwischen Bäumen, den wahren Klimahelden, und Pflanzen können Groß und Klein dann auf die Pirsch gehen.“

Jedenfalls zurück zum Plan: Ich also zum Oranienplatz, kurz die ersten Buden angeschaut von unter anderem ‚Transition Town Berlin‘ und ‚Bäume am Landwehrkanal e.V.‘ und noch bevor die Rapper überhaupt auf die Bühne kamen, setze wieder der Regen ein. Damit war für mich das Ding gelaufen. Wieder ein Foto gemacht, dass ich es immerhin versucht habe – und dann ab nach Hause.

HolK vor K.O. Muzik im Hintergrund

K.O. Muzik rappen da ganz hinten auch über Öko-Themen - aber da war HolK schon vor dem Regen geflohen

Mal gucken, was als nächstes ansteht. Vorgemerkt ist auf jeden Fall schon das ‚Vegan Vegetarische Sommerfest‘ auf dem Alexanderplatz am 30. Juli 2011, obwohl derzeit unter http://veggie-sommerfest.de noch gar kein Programm steht. Fänd’s gut, wenn K.O. Muzik da auftreten könnten – und ‚Trial & Error‘ mit ihrem Kiezmobil vorbeischauen.

Bud Spencer kauft sein Gemüse in der Einfahrt.

Der frühe Vogel… kann mich eigentlich mal. Aber letzten Samstag wurde ich jedoch vor lauter Frühlingsgefühlen und Sonnenstrahlungen früh wach. Na, also vor 14 Uhr halt. Das ist eigentlich an sich schon ein nennenswertes Ereignis, das interessiert Euch allerdings aber höchstwahrscheinlich nur am Rand.

Besagter frühe Vogel – icke – wachte jedoch in der wohl überraschend umweltfreundliche fränkische Hauptstadt – na, Nürnberg Leute! – auf und hat sich gedacht, der kann gleich mal frische Bio-Würmer aus Bio-Äpfeln aus der Region suchen gehen. Am besten im schönen alternativen Gostenhof. So flug er – eher gesagt: er fuhr mit dem Bus – hin zur Adam-Klein-Straße bei der Bärenschanze. Da hatten ein paar Guerilleros Feines zusammengestellt: auf der Einfahrt – besser gesagt: im Durchgang zum Hof – waren Bio-Brote, -Möhren, -Zwiebel, -Käse, -Wurstware… selbst zapatische Bio-Kaffeesorten und aufregende Bio-Schokolade waren im Angebot. „Die Schokolade-Künstlerin steht übrigens hinter Dir, falls Du Fragen hast.“ Eine Frau aus Schokolade? Geil! Ach so, nein. Besagte Künstlerin war nicht aus Schokolade, konnte jedoch süße Erläuterungen zu ihren Kreationen und ein bisschen darüber philosophieren, worauf tendenziell Frauen eher als Männer in Schokosachen stehen und andersrum. Selbst bei der Süssigkeiten-Auswahl kommt man also nicht aus den Geschlechtsunterschieden raus? Kumpel, du kaufst jetzt gefälligst typische Frauenschokolade und ich trotz weibliches Geschlechts typischen Männer-Espresso. Ätsch!

(Bildquelle: Jens Nautscher, inGoHo)

Am gleichen Abend durfte ich den Sven Krollikowsky gleich unerwartet wieder sehen: Auf dem Schanzenbräu Bierfest, mal wieder passend Guerilla-Style auf dem alten AEG-Gelände. Veggie-Frikallen und Bud-Spencer-(Bohnen-)Pfanne gab’s am kleinen Guerilla Food-Stand. Lecker!

Da verwandelt sich der frühe Vogel gerne wieder in den Nachtvogel, um ökokorrekt auf dem Festival zu feiern. Prost Mahlzeit!

Sven Krollikowsky

Entplastifizierung der Neighborhood

Ich musste gleich an den alten Bodycount-Hit denken, als ich den Artikel ‚Jim Caparo: neue Lebensqualität für unsere Städte mit Community Development‘ auf dem Netzwerk-Gemeinsinn-Blog gelesen habe (vgl. http://www.netzwerk-gemeinsinn.net/content/view/671/46/).

In dem Artikel wird beschrieben, dass z. B. Kindergarten-Mitarbeiterinnen ein unerschöpfliches Wissen über ihre Neighborhood, ihren Kiez, haben (Gespräche mit den Kindern und deren Mütter&Väter, Ausflüge, Arztermine im Kindergarten etc. pp), aber nach Feierabend nach Hause fahren und ihren Wohn-Kiez kaum kennen und dementsprechend auch nichts verändern dort.

Jim Caparo sammelt diese Informationen der ’sozialen Alphatiere‘ (wobei KindergärtnerInnen nur eine Sparte der sozialen Alphatiere sind; auch Elternbeiräte in den Schulen, Vorstände in Sportvereinen, Leiter von Gruppierungen in den Kirchen, Vertreter der Geschäftswelt etc. gehören dazu) und stellt eine Stärken-Schwäche-Analyse für die Nachbarschaft auf – mit dem Ziel, eine Vision zu erstellen, wie der Kiez in 10 Jahren aussehen kann und soll. Der Vision folgt dann der Leitfaden, wie man es dorthin schaffen kann.

Als Beispiel nennt Caparo Fragen, wie „Wie verbessern wir die Schulen?“, „Wie kriegen wir mehr Grün, Erholungsanlagen und Spielplätze in die Gegend?“, „Wo lassen sich die Verkehrsströme entzerren, mehr Sicherheit für Autofahrer und Fußgänger herstellen?“, „Wo gibt es baufällige Häuser und Wohnanlagen, und was muss passieren, um sie wieder in einen besseren Zustand zu versetzen?“ und „Wie ist die medizinische Infrastruktur beschaffen und wo liegen darin die Schwachpunkte?“. In Berlin-Prenzlauer Berg könnte eine Frage heissen „Wie erreichen wir eine Durchmischung unseres Kiezes? Wie erreichen wir eine Ent-Plastifizierung?“

Welche Fragen brennen Euch bzgl. Eures Kiezes bzw. Eurer Stadt, Eures Stadtteils, Eures Ortes auf der Zunge? In z. B. Bad Oeynhausen werden die Fragen sicherlich ganz anders aussehen als Berlin (in unserem Fall) oder in Chicago im Falle von Caparo.


(Parkplatzparty in Bad Oeynhausen)

Ironie und Humanity reimen sich

Könnt Ihr Euch an den leicht suffisanten und ebenso leicht ironischen Artikel über die Humanity Fashion Awards erinnern? Hier nochmal der Link zum Artikel vom 20. Januar 2011: http://www.nachhaltigkeits-guerilla.de/humanity-rights-fashion-awards/

Ich kann es mir richtig vorstellen. Einen Tag nach der Mode-Veranstaltung im Januar setzten sich die Clipping-Boys-and-Girls hin und googelten mal die Blogs durch, wer denn wirklich über die Awards berichtet hat bzw. ob es sich wirklich gelohnt hat, die Lachs-Stullen zu schmieren. Dann wird eine Liste angelegt, wer denn alles gebloggt hat; schön mit Screenshot, Ansprechpartner etc. pp.

Und nun, ein paar Monate später, die nächste Veranstaltung wird geplant und hups, wird die alte Excel-Tabelle wieder ausgepackt: ‚Sieh an, die Nachhaltigkeitsguerilla hat drüber gebloggt, Tim und Struppi auch und die witzige Simone erst recht. Komm, die fahren wir alle mal ab und machen ein bisschen Promo für den nächsten Event‘ spricht der Chief Communication Officer zu seinem Assistenten.

Gedacht, gesagt, gemailt und schwupps geht die Mail an alle (irgendwie möglichst personalisiert) raus. Und so kommt es dann im E-Mail-Briefkasten der Nachhaltigkeitsguerilla rein:

„Wir haben natürlich Ihren begeisterten Bericht über die Verleihung des Humanity Fashion Awards im Januar gelesen und bedanken uns nochmals sehr herzlich dafür.

Am (4.) und 5. Mai wird Frau xxx, die Pressesprecherin von xxx, mit mir in Berlin sein. Wenn Sie etwas Zeit für einen kurzen Besuch hätten, würden wir Ihnen über die Vorbereitungen des nächsten „Humanity in Fashion Awards“ berichten.

Wenn Sie uns an einem dieser Tage empfangen könnten würde ich mich sehr freuen, wenn Sie mir sagen könnten, wann es bei Ihnen am besten passen könnte. Ich versuche dann die Termine entsprechend zu koordinieren.“

Tja, nun hat die Nachhaltigkeitsguerilla gar keine Möglichkeit für Empfänge von Pressemenschen, denn wir treffen uns ja selbst nur privat bei uns zuhause oder in Parks, Bars und Bistros. Und zum anderen war unser Bericht ja gar nicht so ‚begeistert‘ – vielmehr wollten wir indirekt darauf hinweisen, dass es schwerwiegende Probleme auf der Welt gibt (daher hatten wir den Bananenseidenschal als Augenbinde ‚missbraucht‘ und den Jutebeutel über den Kopf gezogen, um an ‚Misshandlungsopfer‘ zu erinnern).

Zur Inspiration für der Humanity Rights Fashion Awards 2012 hatten wir auf einen Blog verlinkt, der Kinder als Mienenopfer und Flüchtlingslager zeigt.

Wie auch immer: Vielen Dank für Ihre Kontaktaufnahme. Gern können wir einen Champus einnehmen, Kaviar schlürfen und uns mal so unter Kollegen überlegen, wie wir die goldene Einladungskarte für VIPs zur großen Fashion Show 2012 gestalten.

PS. Ganz schön böse, darauf rumzuhacken, obwohl Ihr es nur gut meint, oder? Tja, einer muss es ja tun und so hat jeder seine Aufgabe…

Kurasoue

Es versuchen immer mal wieder böse Menschen einen auf ‚Grassroots‘ (Grasswurzel-Bewegung / Basis-Bewegung) zu machen, obwohl sie von Unternehmen bezahlt und von Werbe- und PR-Agenturen erdacht wurden.

Als Greenpeace und der BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) Aktionen gegen Müllverbrennung organisierten, schoss Tetra Pak dagegen, und erdachte die ‚Waste Watchers‘. Die selbsternannte Bürgerinitiative karrte haufenweise Müll vor die Stände von Greenpeace und BUND, um (angeblich) ‚Gegen die Vermüllung öffentlicher Plätze‘ o. ä. zu ‚demonstrieren‘ (vgl. Artikel ‚Lobbying an der gesellschaftlichen Basis – Unternehmen im Kleid von Bürgerinitiativen‘ unter ORF.at).

Falls Ihr weitere Fälle kennt oder Euch etwas Verdächtiges auffällt, Ihr Insider-Wissen habt o. ä., dann wendet Euch vertrauensvoll an ‚Aktenzeichen XY ungelöst‘ oder direkt an uns; wir veröffentlichen dies dann in der Rubrik ‚Kurasoue‘ (abgeleitet von Kunst-Rasen-Schau).

Einstein vom 10.02.2011

PS. Heute schon Monsanto-Agrarprodukte gekauft? Also wir von der Nachhaltigkeitsguerilla mögen die Produkte total gerne (vgl. Marcels Artikel von vor exakt 2 Jahren)

Es war einmal … Radioaktivität in Lebensmitteln

Radioaktive Konsumartikel - Allheilmittel für alle!

Radioaktive Konsumartikel - Allheilmittel für alle!

Ein Blick in die Geschichte lohnt sich ja bekannterweise, wenn man aus Fehlern lernen will. Leider grenzt der schnelle Medientakt unser gesellschaftliches Gedächtnis auf ein paar Monate Vergangenheit ein. Beispielsweise gibt es etliche längst vergessene Dioxin-Vorfälle in den letzten 10 Jahren, in denen ein Skandal hochgekocht wurde, jedoch keine großen Konsequenzen folgten (2010, 2008, 2007, 2005, 2006, 2004 …).

Unser Blick soll heute jedoch noch weiter zurück gehen, nämlich zunächst in das Jahr 1896. Hier entdeckte der Physiker Henri Becquerel zufällig die Radioaktivität. Er legte ein Paket von Uransalzen auf eine Fotoplatte, das wie von Geisterhand eine Schwärzung hinterließ, obwohl kein Licht darauf fiel. Daraus konnte man schließen, dass Uran irgendeine Form von Strahlung abgab. Er übergab das Thema zur weiteren Untersuchung an eine Doktorandin namens Marie Curie und ihren Mann Pierre Curie. Sie benannten Radioaktivität erstmals und entdeckten weitere strahlende Elemente, nämlich Polonium und Radium. Dafür erhielten sie 1903 gemeinsam mit Becquerel den Physik-Nobelpreis.

Radioaktivität bedeutet im Prinzip nichts anderes, als dass Masse sehr effizient in Energie umgewandelt wird. Einstein erklärte diesen Effekt ein Jahrzehnt später mit seiner bekannten Formel E=mc². Und damit herrschte in den folgenden Jahren eine „blinde“ Euphorie über solche wundersame Energie, die sogar als Allheilmittel für die Konsumindustrie galt. So wurden Zahnpasta und Abführmitteln radioaktives Thorium zugesetzt und Hotels warben mit den „therapeutischen Wirkungen ihrer ‚radioaktiven Mineralquellen'“ (zit. nach BRYSON 2004, S.153). Radioaktive Zusätze waren der Trend schlechthin und viele Konsumartikel – darunter auch viele Lebensmitteln – waren aus heutiger Sicht regelrecht verseucht. Da man die negativen Auswirkungen von Strahlung damals noch nicht so genau kannte, ging man relativ verantwortungslos mit dieser revolutionären naturwissenschaftlichen Errungenschaft um. Erst 1938 wurden die radioaktiven Zusätze in Konsumartikeln verboten.

Wie viele Opfer hatten diese euphorischen Experimente aus den 20er und 30er Jahren? Marie Curie starb übrigens 1934 an Leukämie, weil sie selber nicht die heimtückische und dauerhafte Strahlung erkannte.

Was lehrt uns dieser kleine Ausflug in die Geschichte? Wir machen immer wieder die gleichen Fehler und blenden alle Risiken aus, wenn neue Errungenschaften unser Leben scheinbar revolutionieren. So gibt es keine Langzeiterfahrung mit Nanotechnologie oder Gentechnik und trotzdem werden sie überall eingesetzt. Die neuen Techniken werden entweder hemmungslos beworden (z.B. Nanobeschichtungen als USP) oder einfach ganz frech verschwiegen. Der Konsument wird es sicherlich richten – in den nächsten Jahrzehnten.

Und wie immer, gilt auch hier: Den Schaden dürfen selbstverständlich alle ausbaden, den Gewinn  dagegen dürfen nur wenige für sich verbuchen.

Quellen

BRYSON, Bill (2004): Eine kurze Geschichte von fast allem. Hamburg: Spiegel. S.149ff.

THUM, W. (o.J.): Radium: Geschichtliches.

Was tun bei Dioxinmangel – lieber FrühstücksAAL oder FrühstücksEI?

Früstücksaal mit Dioxin-Ei

Früstücksaal mit Dioxin-Ei

Eine Flutwelle der Hysterie überschlägt mal wieder unser Land: der Dioxinskandal. Hilfe! Keine Eier mehr zum Frühstück. Senfeier müssen leider auch ausfallen – denn Eier soll man lieber wegschmeißen, hieß vor einigen Tagen die Empfehlung, die über den Deutschlandfunk und anderen Quellen verbreitet wurde.

Was steckt eigentlich dahinter? Im schlimmsten Fall wird momentan von einer 4-fachen Überschreitung des EU-Grenzwertes von 3 pg WHO-TEQ* Dioxin pro Gramm Fett ausgegangen. Dabei liegt diese Menge bei einem normalen Eierkonsum immer noch weit unter dem WHO-Grenzwert. Im Klartext heißt das, kein Grund zur Panik.

Ein Dioxin-Grenzwert hat jedoch seine Berechtigung, denn Dioxine – als Sammelbegriff für verschiedene Substanzen – sind in größeren Mengen zerstörerisch. In geringen Mengen wirken sie  auf längere Sicht krebserregend, weil Dioxine dauerhaft im Körperfett gespeichert und dabei nur sehr langsam abgebaut werden.

Wieviel Dioxin steckt eigentlich in einem ordentlichen Omelett aus kontaminierten Eiern? Wenn man einmal den worst case annimmt und die Eier viermal soviel Dioxin enthalten wie erlaubt, enthält ein Omelett, in dem 200 Gramm “Dioxin-Eier” verarbeitet wurden, 240 pg Dioxin. 80g Aal enthalten die gleiche Menge Dioxin – vollkommen legal. (via spiegelfechter)

Ist das komisch? Nein, denn wir Deutschen essen zum Früstück gewöhnlich mehr Eier, als Aal. Daher sind die Grenzwerte so angesetzt, dass sich am Ende unseres durchschnittlichen langen Lebens bei einem durchschnittlichen Essverhaltens nicht zu viel Dioxin in unseren Zellen abgelagert hat. Eine Volkswirtschaft hat nämlich nichts davon, wenn der der Großteil der Bevölkering dahin siecht und nicht mehr arbeiten kann. Wir halten fest:  Es ist also grundsätzlich keine gute Idee, jeden Tag Unmengen Aal statt Eier zum Frühstück zu essen.

Was soll jedoch die Hysterie? Das lässt sich leider nicht ergründen. Aber man stelle sich vor, es gebe keine Skandale, Katastrophen oder Bösewichte, nach einem wohl gesättigten und konsumreichen Jahresausklang. Wie langweilig … und wer möchte, kann sich ja mal anschauen, wer allzu gerne Benzin ins Feuer gießen möchte und warum.

Die Nachhaltigkeits-Guerilla empfiehlt abschließend: Esst ruhig ein Dioxin-Ei und lasst dafür ein Glas Milch zum Frühstück weg und ihr habt wieder eine ausgeglichene Dioxin-Bilanz, denn über Milchprodukte nehmen wir gewöhnlich vier mal so viel Dioxin am Tag auf. Viel viel viel viel viel wichtiger: Achtet auf eure Ernährung und lasst euch nicht an der Nase herum führen!

.: Stadtkultur verstehen – Dissonanzen erzeugen :.

aufgenommen in der U-Bahn-Station Rosenthaler Platz, Berlin Januar 2010

Im urbanen Raum spricht Baudelaire von „Ennui“ [Langeweile], die sich bei seinen Bewohnern einstellt. Die „Ennui“ begründet sich in der Sphäre der Oberflächlichkeit, in der wir uns alltäglich bewegen. Wir begegnen einem Netz aus fremden Personen morgens auf dem Weg zu Arbeit, beim Einkaufen, beim Umherlaufen oder beim Feiern. Es ist ein Raum der allen gemein ist, dadurch erscheint er „weniger bedeutsam als jenes ‚wirkliche Leben‘, das sich im Inneren jedes Einzelnen abspielt“ (Sennett, 1990, S. 160). In diesem Gegensatz zwischen Innen und Außen äußert sich die Langeweile und resultiert in der Annahme, nichts dort draußen sei meiner würdig.

Die moderne Großstadt überwindet die großstädtische Ennui

Nach Baudelaire kann jedoch die moderne Großstadt diese Langeweile überwinden und die Menschen veranlassen, sich nach Außen, statt nach Innen zu wenden (in Sennett, 1990, S. 161). Wenn die Großstadt Differenzen vermittelt, schafft sie es jene Langeweile zu überwinden und die Menschen orientieren sich aus dieser Mannigfaltigkeit heraus neu. Nach der Chicagoer Schule (bei dem der persönliche Geist ebenfalls im Kontrast zum unpersönlichen Kollektiv steht) besteht die urbane Kultur im „Erleben und Erfahren von Unterschieden von Klassen-, Alters-, Rassen- und Geschmacksunterschieden“ (Sennett, 1990, S. 165) im öffentlichen Raum. Dabei ist die Großstadt von einer anderen Ordnung geprägt: durch die Abwesenheit der moralischen Ordnung ergibt sich eine bruchstückhafte Ordnung, die sich durch die unterschiedlichen Bewohnern konstituiert. Aus diesem Gros an Gebrochenheit und Differenz ergeben sich für die Bewohner „segmentierte Rollen“: der Städter wechselt die Orte und Aktivitäten schneller. Sennett beschreibt den urbanen Städter als „Chamäleon“ (1990, S. 167). Das „fragmentierte Selbst“ ist empfänglicher für Anregungen aus der Außenwelt und überwindet die großstädtische „Ennui“. Dadurch hat er die Möglichkeit aus sich herauszutreten und den urbanen Raum für sich zu nutzen und mitzugestalten.

Berlin als Exempel einer modernen Großstadt

Nach Baudelaire kann die Großstadt „statt Ganzheit […] die Erfahrung von Differenz vermitteln“ (Sennett, 1990, S. 161). In Berlin erleben wir ein anonymes Netz das im Gegensatz zum Individuum steht. Jedoch ist Berlin eine heterogene und moderne Großstadt – sie vermittelt Differenzen und Mannigfaltigkeit an vielen Ecken. Es entspricht dem modernen Geist nach Baudelaire, der gekennzeichnet ist durch „das Vergängliche, das Flüchtige, das Zufällige“ (in Sennett, 1990, S. 164). In diesem Konglomerat an Unterschieden und Bruchstücken, findet der Berliner seine Freiheit. Das fragmentierte Selbst überwindet dabei den Raum zwischen Außen und Innen und tritt im öffentliche Raum an vielen Stellen in Kontakt und trägt somit wieder zur wahrgenommenen Mannigfaltigkeit der Stadt bei. Notes of Berlin versucht z.B. den öffentlichen Charakter Berlins festzuhalten. Hier werden Mitteilungen an Kiezkollegen oder eine öffentlicher Weihnachtswunschzettel festgehalten.

Prinzipien der modernen Großstadt

Aus dem Charakter von Differenz und Modernität ergeben sich verschiedene Prinzipien, die die Gestalt des öffentlichen Raums beschreiben. Zum einen die Zerbrechung der Linearität: Dieses Prinzip beschreibt das Nicht-Planbare, das eigentliche Leben, das geprägt ist von Spontaneität. Gerade Berlin weist viele Beispiele für die Zerbrechung der Linearität auf. Nicht nur geschichtlich zeigte sich Berlin häufig unvorhersehbar, auch aktuelle Beispiele wie Mediaspree Entern, zeigen, wie ein geplantes Vorhaben vorzeitig unterbrochen werden musste. Auch viele Zwischennutzungsprojekte brechen mit einstigen Nutzungskonzepten. Das zweite Prinzip beschreibt die Überlagerung von Unterschieden. Statt einem Nacheinander kommt es hier zu einem Übereinander. Am Kotti leben auf engem Raum unterschiedlichste Personengruppen nebeneinander. Alte Kneipen werden zu neuen Szenebars, Werbeagenturen siedeln sich an, Touristen gehen feiern, während dort weiterhin sozial schwache Personen wohnen.

Die Berliner Bürger haben – im Vergleich zu anderen Großstädten – noch viel mehr Gestaltungsraum, was den Bewohnern mehr Freiheiten bietet und ihn stärker mit der Außenwelt in Kontakt treten lässt. Das dadurch sichtbar werdende fragmentierte Selbst lässt sich – laut Baudelaires Glaube an die Mannigfaltigkeit – auf den Straßen beobachten (in Sennett, 1990, S. 161). Dies sind interessante Perspektiven um Interventionen im öffentlichen Raum genauer zu betrachten. In vielen Stadtteilen Berlins gestalten die Bewohner ihren Raum aktiv mit. Sie erzeugen Dissonanzen und beziehen Stellung und tragen damit zu einer urbanen Lebenskultur bei.

Quelle: Sennett, R. (1990). Civitas: Die Großstadt und die Kultur des Unterschieds. Fischer: Frankfurt/Main.

Ecological Correctness: Gutes Gewissen – Simply delivered.

cc by jasmin

Nachhaltiges Handeln ist eine Lebenseinstellung. Aus Überzeugung kauft man z.B. Produkte aus der Region, im Winter heißt das Wirsing und Kohlrabi statt Zucchini oder Aubergine. Statt zum Auto greift man zum Fahrrad oder Nahverkehr. Ist günstiger und besser für die Umwelt. Für eine nachhaltige Lebenseinstellung gibt es oftmals viele gute Gründe.

Wenn eine Lebenseinstellung zum Verkaufsschlager wird:

Das Phänomen Öko-Wirtschaft ist nicht neu. Gänzlich beschweren sollte man sich darüber nicht. Doch hinterfragen soll erlaubt sein. Adidas hat 2008 die „Grün Kollektion“ herausgebracht – Mode aus biologischen Materialien, die noch dazu gut aussieht. Auch andere Hersteller setzen auf Bio-Baumwolle und recycelte Materialien, wie Bleistifte aus Zeitungspapier – kein Baum muss extra für die Schreiberlinge sterben. Aber auch Abseits der Warengütern zeigt man sich umweltbewusst: Ökostrom-Angebote der Energiekonzerne bieten gegen Aufpreis erneuerbare Energien. Und bei DHL hat man die Möglichkeit im Rahmen des GoGreen Klimaschutzprojekt Päckchen klimafreundlich zu verschicken. Und es dürfte nicht lange dauern, bis auch andere Branchen sich dem Geschäft mit dem guten Gewissen widmen werden.

Öko-Hype macht Kunden froh und die Wirtschaft ebenso?

Das Schöne an nachhaltigen Produkten und Diensten ist: sie hören auf, die Umwelt zu ignorieren. Sie sind eine Antwort auf den Wunsch jener, die Nachhaltigkeit als eine Notwendigkeit sehen. Hier ziehen Politik, Gesellschaft und Wirtschaft scheinbar an einem Strang. Die Unternehmen achten nun auf Aspekte, die uns wichtig sind. Können wir also entspannt auf die Tonnenlader mit ihren Abgasen auf der Autobahn reagieren? Unsere Emissionen werden dank DHL gogreen schließlich durch ein Wasserkraftwerk in Brasilien kompensiert!

Ausruhen statt kritisch zu hinterfragen, entspannter könnte die Beziehung zwischen Wirtschaft und Konsumenten nicht aussehen. Doch entspricht diese gekaufte „Ecological Correctness“ dem eigentlichen Ziel? Arbeitet sie in die richtige Richtung? Hört Nachhaltigkeit beim guten Gewissen auf? Was ist noch Teil einer Lebenseinstellung und was davon ist nur ein Ausruhen auf einem guten Gewissen?

Wenn Unternehmen glauben, dass ihre Kunden auf das Green Washing hineinfallen, täuschen sie sich – hoffentlich. Denn man sollte nicht aufhören den Wandel und Nachhaltigkeit im Kontext zu betrachten. Ein DHL Päckchen verursacht trotzdem noch Emissionen, die mit aktuellen Fortbewegungs-Technologien gar nicht erst entstehen müssten. Und die Klimaschutzprojekte in der ganzen Welt sind zwar ein guter Anfang, aber fallen momentan wohl eher noch unter die Kategorie „Gutes Gewissen, Simply delivered“. Unternehmen sollten vorsichtig damit sein, Nachhaltigkeit zu kurz fassen. Die meisten Versuche „Grün“ zu wirken, scheinen bislang eher ein vielversprechendes Corporate-Social-Responsebility-Tool, als eine wahre ökologische Überzeugung zu sein. Deshalb sollten auch Konsumenten künftig nicht aufhören zu hinterfragen – gerade dort nicht, wo es so bequem wirkt. Denn wenn Verbesserung der umweltpolitischen Situation eine Lebenseinstellung ist, dann hört sie auch zukünftig nicht bei einem gekauften Ökoprodukt auf.