Anti-Touri-Tour
Oft zieht es Touristen zu den Sehenswürdigkeiten einer Stadt. Zu den Klassikern: alte Paläste, große Monumente und geschichtsträchtige Begegnungsstätten, mit denen sich eine Stadt schmückt, ziert und an denen ihre Besuchswürdigkeit und historische Relevanz gemessen wird – um das Prädikat „sehenswürdig“ zu erhalten. Die von ZDFkultur gestartete „Anti-Sightseeing-Tour“ soll Städte auch ohne große Sehenswürdigkeiten sehenswert machen. Wie? Durch die kleinen, ungesehenen Dinge, die das Leben dort lebenswert machen.
Die Stadt aus der Perspektive des Verdrängten
Doch wieso bleiben einem als Besucher Orte verborgen? Die Schönheitsflecken, sozialen Brennpunkten oder kriminellen Zentren bringen lediglich Schande über die Stadt, werden versteckt und sollen bloß nicht das Image stören oder gar repräsentieren. Lediglich positiv besetzte Eigenschaften, wie Wissenschaftsstadt, Messestadt, Jugendstilstadt, etc. werden herausgekehrt. Nicht aber: kriminellste Stadt, lauteste Stadt oder Stadt mit der höchsten Arbeitslosenquote Deutschlands. Zeigt das Verborgene hingegen nicht das eigentliche Gesicht der Stadt? Am Rand der Gesellschaft liegt doch das vermeintlich authentischere und somit die wahre Seele einer Stadt. Wenn Sehenswürdigkeiten immer nur das stilisierte und idealisierte einer Stadt vermitteln, dann würde das im gleichen Zuge doch auch bedeuten, dass genau dadurch gar kein authentisches Bild der Stadt vermittelt werden kann? [Was die Grundfrage danach aufwirft, wo sich das vermeintlich Authentische auffinden lässt. Ob sie nur durch Inszenierung zugänglich wird oder ob es uninszenierte Authentizität überhaupt geben kann. Gerade wenn es um die Dokumentation historischer oder vergangener Orte geht, und diese visuell faktisch erscheinen wollen, müssen sie sich inszenieren.]
Als Tourist ist man somit immer einem inszenierten Dispositiv ausgesetzt. Einer vorzeigbaren bzw. vorgezeigten Stadt. Doch die ausgeschnittenen Elemente sind nicht sichtbar und deshalb für den normalen Touristen nicht zugänglich. Weshalb sollte man aber die Stadt nicht auch mal invertiert, als Bildnegativ betrachten?
Ein Gedankenexperiment
Wie wäre es, sich eine Stadt mal von unten anzuschauen? In Duisburg würde die Tour vom Love-Parade-Tunnel, mit der Besichtigung der genauen Unglücksstelle, über das Headquater der Bandidos hin zum italienischen Mafia Restaurant, bis nach Marxloh führen, dem „sozialen Ghetto“ Duisburgs.
Oder stellen wir uns vor nach Erfurt zu reisen, um dort die Route des Amokläufers nachzuvollziehen. Ausgestattet mit einem Leitfaden folgen wir Markierungen auf dem Boden, die uns ein Gefühl für Raum und Zeit der Tat geben und somit auch für das Schrecken. Denken wir einen Schritt weiter. Wie wäre ein digitales Egoshoot-Spiel im realen Raum, in dem wir den Amokläufer selbst spielen, die Tat durchlaufen und sogar noch erfolgreicher aus dem Kampf herausgehen könnten. Makaber. Vielleicht.
Wieso konzentrieren wir uns immer nur auf jene Aspekte, die vorzeigbar sind? Wieso sollen nicht auch mal Erinnerungen in der Auseinandersetzung mit Problemen, dem Vergessenen und Verdrängten aufleben und somit eine Konfliktverarbeitung stattfinden? Weil es unbequem ist. Vielleicht.
Etwas weniger makaber, dafür aber leichter erträglich und deshalb schon praktiziert, sind die Zweite-Heimat-Touren in Neukölln bei denen Migranten ihre Sicht auf Berlin zeigen und den Besucher an verborgene oder alltägliche Orte führen, zu denen er sonst niemals durchdringen würde. Genau dort kann man die Stadt aus einer neuen Perspektive betrachten, den Schwierigkeiten der Integration von Türken näher kommen und für diese Problematiken sensibilisiert werden. Auch das Theaterstück „Niemandsland“ des holländischen Regisseurs Dries Verhoeven verfolgte diese Idee: Niemandsland nimmt den Besucher auf eine auditive Reise in Hannover, um ihm individuelle Schicksale und Geschichten von dort lebenden Migranten zu schildern. Ausgestattet mit Köpfhörern lief man durch bekannte Straßen und erhielt ungekannte Einsichten.
Genau in solchen Situationen wird der Ausdruck Parallelgesellschaft erfahrbar und die Unsichtbarkeit solcher Gruppierungen im städtischen Gesamtbild wieder sichtbar. Der Blick in die ausgestülpten Bereiche, fernab des Vorzeigbaren, verrät wohl mehr über das wahre Bild einer Stadt, als Touri-Attraktionen, die ohnehin jeder zu Gesicht bekommt.












